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Georges Gilles de la Tourette Leben und Werk Georges Albert Edouard Brutus Gilles de la Tourette wurde am 30. Oktober 1857 in Saint-Gervais-les-Trois-Clochers im Departement Vienne geboren. In diesem kleinen Dorf, unweit von Loudun gelegen, beginnt das Leben dieses außergewöhnlichen Menschen und späteren Neurologen, der durch das nach ihm benannte Tourette-Syndrom in der ganzen Welt bekannt werden sollte. Gilles war das älteste von vier Kindern, sein Vater Théodore übte den Beruf eines Kaufmanns aus. Er wurde in eine Familie hineingeboren, die sich rühmen durfte, bereits viele Ärzte und Gelehrte hervorgebracht zu haben. Über die frühe Kindheit von Gilles de la Tourette ist nur wenig überliefert. Seine Ausbildung beginnt er in der Internatsschule von Chatellerault, wo er als außerordentlich begabter, gleichzeitig jedoch auch als sehr unruhiger und aufsässiger Schüler auffiel, der sich im Unterricht oft langweilte und in einem Jahr zwei Jahresabschlussprüfungen ablegte, um seine zweifellos beträchtlichen Energien in sinnvolle Bahnen zu lenken. Nachdem er sein Abitur vorzeitig bestanden hatte, begann er bereits im Alter von 16 Jahren seine Studien an der Medizinischen Fakultät von Poitiers, die er mit überaus großem Erfolg abschließen konnte. Im Jahre 1881 begab er sich nach Paris, um seine medizinische Ausbildung fortzusetzen. Jean-Martin Charcot (Lehrer von Dr. Tourette) am Hôpital Salpêtrière in Paris -> wikipedia.de Paul le Gendre, ein Freund von Gilles, beschrieb ihn zu jener Zeit folgendermaßen: "Er war ein geselliger, umgänglicher Mensch, der sehr gut reden konnte; seine Stimme war laut, rauh und ein wenig heiser, und er war sehr temperamentvoll, mitunter aufbrausend und konnte sehr ungeduldig sein ... "
Veröffentlichung der englischen Version im Journal of Neural Transmission Für die Erstellung der Biographie des Georges Gilles de la Tourette recherchierte ich vier Jahre. Sehr glücklich bin ich darüber, dass ich in dieser Zeit brieflichen und telefonischen Kontakt hatte zu Prof. Dr. Christian Müller, einem ehemaligen Direktor der Klinik Cery bei Lausanne (1967-1987), in der Dr. Tourette bis zu seinem Tode stationär behandelt wurde. Prof. Müller hatte persönlich Einsicht in die Krankenakte von Dr. Tourette und verfügte somit über eine genaue Kenntnis seiner letzten Jahre. Auf meine Frage, ob beispielsweise das Zimmer bekannt und zu besichtigen sei, in dem Gilles de la Tourette versorgt wurde, sagte er: "Im Altbau der Klinik Cery war im ersten Stock ein kurzer Gang mit ein paar Zimmern für Privatpatienten und hier - so wird vermutet - wurde Dr. Tourette betreut. Der Altbau ist allerdings mittlerweile komplett umgebaut und umgestaltet, so dass diese Räumlichkeiten von damals nicht mehr existieren." Im Kapitel "Der geisteskranke Psychiater" in seinem Buch "Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit" berichtet er eindrücklich über die Schwere der Symptomatik (Endstadium Syphilis), die Dr. Tourette während seines Aufenthaltes in Cery durchleben musste. in memoriam Dr. Tourette (pdf)
Originalstudie von Dr. Tourette aus dem Jahre 1885 V o r w o r t Es ist den sensiblen und differenzierten Beobachtungen des französischen Neurologen Dr. Gilles de la Tourette zu verdanken und seinem besonderen Interesse für Menschen mit Tic-Erkrankungen, dass im Januar 1885 diese Studie über 9 Fälle (Observations I – IX) zusammen mit einer Reihe von anderen neurologischen Themen verschiedener Autoren im 9. Band der "Revue des maladies nerveuses et mentales" im "Archives de Neurologie" publiziert werden konnte. Die Übersetzung der 9 Fallbeschreibungen (Seiten 24-42 und 158-161), die Anmerkungen von Dr. Tourette in der Einleitung und in den Nachbetrachtungen machen deutlich, dass es in jener Zeit erhebliche Schwierigkeiten bei der exakten diagnostischen Zuordnung von neurologischen Erkrankungen gab, deren Hauptsymptomatik motorische Koordinationsstörungen waren. Vielfach bestand die Tendenz, den größeren Teil der Störungen dieser Art unter dem Sammelbegriff "Chorea" (gr. choreia: Reigen, Tanz) zusammenzufassen, auch wenn sie nur mit einigen Symptomen Parallelen zur Chorea aufzeigten. Im Jahre 1818 berichtete BOUTEILLE in seiner "Behandlung der Chorea" (Traité de la Chorée) über die Existenz von Erkrankungen, die nur in Teilbereichen Ähnlichkeiten mit der Chorea aufwiesen und die er deswegen als "Pseudo-Chorea" oder "falsche Chorea" (pseudo-chorées oder chorées fausses) bezeichnete. Aus diesem Komplex kommen die Erkrankungen, deren Untersuchung Gilles de la Tourette in seiner Studie vorstellte. Im Roche Lexikon Medizin (4. Auflage) ist hierzu folgendes nachzulesen: "Die choreatischen Erkrankungen sind eine Gruppe extrapyramidaler Bewegungsstörungen mit unwillkürlichen, unphysiologisch-arrhythmischen, schnellen Kontraktionen von Muskel(gruppe)n in fast allen Körperregionen unter anderem mit Grimassieren, verbunden mit Muskeltonusverminderungen evtl. auch mit Reflexabschwächungen." Durch ein Defizit an neurologischem Wissen war zur Zeit von BOUTEILLE die Verwechslung der Chorea und Ticstörungen, die wir heute eindeutig den Tourette-Erkrankungen zurechnen würden, durchaus denkbar, doch nach 1818 wurden in der Diagnostik deutliche Fortschritte erzielt, die es ermöglichten, die Chorea mehr und mehr auf ein bestimmtes Erscheinungsbild einzugrenzen. In der heutigen Zeit sind die Krankheitsverläufe der choreatischen Erkrankungen gut erforscht, und die verschiedenen Formen und deren Unterscheidung von anderen motorischen Störungen dürfte für den erfahrenen Diagnostiker kein Problem mehr darstellen. Bei der Ausarbeitung seiner Studie konnte Dr. Tourette auf Veröffentlichungen von ITARD, ROTH, SANDRAS und TROUSSEAU zurückgreifen. Ebenso wie die vorgenannten Autoren berichteten auch aus anderen Ländern BEARD, O’BRIEN und HAMMOND von Menschen mit motorischen und vokalen Ticstörungen, doch sollte es Gilles de la Tourette vorbehalten sein, die vielfältigen Symptomschilderungen als Ausdruck ein und derselben Krankheit, des später nach ihm benannten Tourette-Syndroms, zu erkennen. Dr. Georges Gilles de la Tourette beginnt seine Studie (Observation I) in der "Revue des maladies nerveuses et mentales" mit einer Fallbeschreibung von ITARD aus dem Jahre 1825, die bereits in "Mémoire sur quelques fonctions involontaires des appareils de la locomotion, de la préhension et de la voix" (Bericht über einige unwillkürliche Funktionen des Bewegungsapparats, des Zugreifens sowie der Stimme - Archives générales de la médecine, t. VIII, Observation X, p. 403-405) [1825] veröffentlicht wurde. Nach der Observation/Fallbeschreibung I macht Gilles de la Tourette in einem kurzen zweiten Teil noch einige abschließende Bemerkungen zu der zuvor beschriebenen Patientin. Das Vorwort und die Observationen/Fallbeschreibungen I-IX stehen als pdf-Dateien zur Verfügung.
Die Übersetzung der Originalstudie von Dr. Tourette über Tic-Erkrankungen aus dem Jahre 1885 war ein Gemeinschaftsprojekt, dessen Realisierung durch die Mitarbeit von Betroffenen, Angehörigen und Unterstützern der Tourette-Szene möglich wurde. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ute Boldt, Sarah Schimanski, Steffi Binder, Marie-Anne Thivolle (Frankreich), Armin Stang, Beate Michaelis, Marie-Ange Desor (Französin, lebt in Deutschland) und Susanne Ohler. Meinen Dank möchte ich ebenfalls noch aussprechen an Dr. Kirsten Müller-Vahl (MH Hannover) und Prof. Dr. Aribert Rothenberger (Universität Göttingen) für ihre Bereitschaft, uns mit ihrem neurologischen Fachwissen bei der Übersetzung komplizierter Textpassagen zu unterstützen. Durch die an der Übersetzung beteiligten Personen hatte sich detailliertes Wissen über die französische Sprache zusammengefunden, trotzdem bedeutete es einen großen Aufwand, die historischen Texte und die darin enthaltenen komplexen Beschreibungen der neurologischen Symptome in verständliches und gut lesbares Deutsch zu übertragen und dabei den Originaltext nicht zu verfremden. Wir haben uns bemüht, diesem Vorsatz gerecht zu werden. Hermann Krämer.
Bestellmöglichkeit: Tourette-Gesellschaft
Deutschland, Von-Siebold-Str. 5, D-37075 Göttingen
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