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Mein wildes Leben als
Mister Tourette
Gestatten, dass ich mich kurz vorstelle: Mein Name
ist Mister Tourette. Ich bin das Tourette-Syndrom und zähle zu den
neuropsychiatrischen Erkrankungen. Charakteristisch für mein Auftreten sind
sowohl motorische als auch verbale Tics, aber das wissen Sie bereits. Ich bin
sicher, Sie haben sich über meine Erscheinungsformen ausreichend informiert.
Gern trete ich zusammen mit meinen Freunden, dem ADHS und den
unterschiedlichsten Zwängen, auf. Auch das Asperger-Syndrom gesellt sich gern zu
mir. Ich möchte Ihnen hier eine Geschichte erzählen. Ich möchte Ihnen
verraten, wie ich mich vor Jahren in einen Jungen eingeschlichen habe, erst ganz
langsam, fast unauffällig, doch mit den Jahren immer komplexer, nerviger und
aggressiver.
Ich schleiche mich natürlich nicht wahllos in irgendwelche Kinder ein. Nein,
ich suche sie mir gezielt aus, beobachte erst, wäge ab und entscheide dann mit
Bedacht. Denn eins steht fest: Nicht jedes Kind ist mir gewachsen und erscheint
mir interessant genug, um mein Interesse zu wecken.
1999 war mein Auserwählter, nennen wir ihn hier einfach einmal Till, ganze vier
Jahre alt. Ich begann ganz harmlos mit einem Augenblinzeln. Ich blinzelte und
blinzelte, und zusätzlich ließ ich ihn noch ständig an den Fingern lecken. Nöö..,
das reichte mir noch nicht..., jetzt mit den nassen Fingern immer schön an der
Wange reiben. Ah..., die Wange fängt an, sich von dem ewigen Befeuchten zu röten
und zu brennen. Till und auch seine Mutter sind ziemlich genervt. Okay, diese
Kombination gefällt mir, blinzeln, Finger anlecken, nasse Finger an der Wange
reiben. Die beiden sind verzweifelt, was das wohl sein könnte?
Ach, eins setze ich noch mal drauf. Bitte jetzt noch um die eigene Achse drehen
und beim Laufen in regelmäßigen Abständen den Boden berühren. Eine leichte
Aggressivität der Mutter gegenüber gebe ich noch dazu.
Bin gespannt, auf was für abenteuerliche Diagnosen die Ärzte kommen. Hab ich
mir doch gedacht, so in Richtung strengere Erziehung, klarere Abgrenzungen. Das habe ich schon oft erlebt, dass erst einmal Erziehungsprobleme angenommen
werden. Ab zum Augenarzt, zum Heilpraktiker, zum Kinderarzt, Termin bei der
Erziehungsberatungsstelle, auf zum Homöopathen. Kein Experte weiß so richtig
mit dem Verhalten von Till etwas anzufangen. Das Spiel gefällt mir, niemand weiß,
wer ich bin. Habe ihn dann in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder einen
anderen Tic ausführen lassen. So Dinge wie Kopfwackeln, Nase rümpfen, fiepen
wie ein Schweinchen, spucken ...
Mist !!! Da habe ich die Rechnung wohl ohne die
Mutter gemacht. Konnte mich leider nur knapp zwei Jahre versteckt halten. Die
wollte die Aussagen der Ärzte nicht so recht glauben. Sie fing an zu lesen und
zu lesen und zu lesen. Ging ins Internet, recherchierte, wo sie nur konnte...
und hatte leider bald einen Verdacht.
Na, was soll ich Euch sagen, zack, zum Neurologen, Verdacht geäußert, ab zu
weiteren Fachärzten, und ich war entlarvt. Diagnose: Tourette-Syndrom. Mann, jetzt bin ich echt sauer, das macht keinen
Spaß, wenn ich so schnell entdeckt werde. Ich habe keine Lust mehr und lasse
den Jungen erst mal in Ruhe. Bin beleidigt und werde mir vorerst ein neues Opfer
suchen.
Nachdem ich anderweitig unterwegs war, fiel mir Till im Jahre 2005 wieder ein.
Mit mir rechnete nun wirklich keiner mehr. Bis auf ein paar harmlose Tics wie
Nase berühren, Finger verdrehen und Augen rollen hatte ich den Till bis dahin
in Ruhe gelassen. Zwischenzeitlich kam der Kinderarzt auf die glorreiche Idee,
die Diagnose TS in Frage zu stellen. Nein, kein TS, Till hat ADHS mit leichter
Ticsymptomatik. Also gab es Medikamente für eine bessere Aufmerksamkeit und
mehr Konzentration in der Schule. So, nun reicht es mir. MICH in Frage zu
stellen, zu behaupten, mich gibt es nicht und mir dann noch mit diesen Medis
kommen. Jetzt lass ich ihn mal richtig ticcen. Augenbrauen hochziehen, hecheln,
Hacken an den Po knallen, Arme schleudern und obszöne Worte sprechen.
Arschloch, Wichser, ficken ... oh, das macht mir wieder richtig Spaß.
Wenn man mich reizt, dann schlage ich zurück. Ihr müsst nicht denken,
dass Ihr mich bezwingen könnt.
Ich hole nun noch meine Freunde, die Zwänge, dazu. Spielzeuge in einer
bestimmten Reihenfolge aufstellen, Zimmer mit Desinfektionsspray aussprühen, ständiges
Händewaschen, berühren von Personen und Gegenständen, und wie wäre es noch
mit der übertriebenen Angst vor Bakterien?
Dieses Kind ist stark, stärker als andere. Es jammert nicht, bemitleidet sich
nicht, kämpft, nicht entdeckt zu werden. Will nicht auffallen, will mit der
Masse schwimmen, nicht anders sein, um keinen Preis. Seinen Freunden erzählen,
was mit ihm los ist? Um Gottes Willen, bloß nicht. Naja, sein aufbrausendes
Verhalten, vor allem seiner Mutter gegenüber, macht ihm schon zu schaffen.
Wer so kämpft und so tapfer ist, hat eine Auszeit verdient. Werde mich mal
wieder ein bisschen zurücknehmen. Zurechtkommen tut er ja im Leben. Alle
Familienangehörigen sind zwar ab und an etwas genervt von den Laut-in-die-Hände-klatschen-Tics
oder auch diesen vielen Zwängen, wie z.B. gesprochene Sätze wiederholen, bis
sie einen bestimmten, richtigen Klang haben. Die Angst vor einer Verschlimmerung
der Symptomatik bleibt. Das spüre ich ganz deutlich bei den Eltern ...
In der Schule hat er Glück. Alle Lehrer sind informiert und versuchen, mit den
Symptomen umzugehen. Obwohl … in der Schule darf ich mich selten zeigen. Till
unterdrückt mich in der Schulzeit so gut er nur kann. Mich nicht rauszulassen,
kostet sehr viel Kraft und Disziplin, seine ganze Konzentration richtet sich auf
mich. Na gut, dem Unterricht folgen kann er nicht wirklich. Wie denn auch?
Versucht Ihr einmal, ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu machen. Würde er
nur einmal die Kontrolle verlieren, hätte ich die Oberhand.
Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, wenn man
5-6 Stunden eingeengt wird, nicht raus darf, nicht zeigen darf, was man drauf
hat, wird man sehr unruhig und wütend. Dementsprechend explodiere ich um so
heftiger, wenn Till sich unbeobachtet fühlt, wenn er sich in Sicherheit wiegen
kann. So richtig zeigen mit meiner ganzen Vielfalt und Intensität darf ich mich
nur zu Hause.
Tills Mutter, die erst mittags für drei Stunden
arbeitet, legt sich frühmorgens gern noch ein Stündchen hin, um meinem Ansturm
am frühen Nachmittag gewachsen zu sein. Irgendwie bin ich unzufrieden. Das läuft
mir hier zu glatt. Zuviel Verständnis, Einigkeit, zu viel Aufklärung und zu
wenig Panik und Angst !!!!!!! Diesen Zustand versuche ich noch einmal zu ändern.
Ich nehme meine ganze Kraft zusammen, meine ganze Konzentration richtet sich auf
dieses Kind. Ich werde ihn ticcen lassen, bis ihm hören und sehen vergeht.
Meine guten Freunde, die Zwänge, möchten auch wieder mitmischen. Geben wir ihm
gemeinsam den Rest !!! Mein letzter Angriff war eine Zerreißprobe
für ihn und seine Familie. Voller Panik, Verzweiflung und Angst. So wie ich es
wollte. Details werde ich Euch hier ersparen.
Nach vielen tourettischen Torturen, die Till gut
überstanden hat, möchte ich meinen Strategien eine andere Richtung geben. Ihr
müsst wissen, ich bin nicht nur unberechenbar und quälend. Durchaus kann man
versuchen, mit mir einen Kompromiss zu finden, sich mit mir sogar anfreunden.
Till hat nach meiner letzten Attacke seine innere Einstellung zu mir geändert.
Er spricht mit mir, besänftigt mich, lässt mich zu, versucht mich zu
akzeptieren. Er hat sich aber auch weitere medizinische Unterstützung geholt
und sich ein neues Medikament verschreiben lassen. Okay, das kann ich im Moment
tolerieren. Obwohl ich noch nicht sagen kann, ob ich dieses Medikament lange
zulasse.
Letztendlich hat mein Tun aber nur dazu
beigetragen, dass die Familie noch enger zusammengerückt ist. Der Respekt
voreinander, die Wertschätzung und das Vertrauen sind gewachsen. Man sieht mich
nicht als Feind, sondern als eine persönliche Herausforderung, die zusammen zu
meistern ist.
Ich kann jetzt nicht sagen, wie ich mich in Zukunft verhalte. Durchaus möglich,
dass ich mich mit Till für die Zukunft versöhnen werde. Es ist aber auch möglich,
dass ich das nie tun werde. Fest steht nur, dass Till und seine Familie bereit
sind, diese Herausforderung anzunehmen und mit mir zu leben.
Mister Tourette
Mein
wildes Leben als Mister Tourette (pdf)
Text
verfasst von: Traumfabrik (Pseudonym)
Copyright
2008 by Traumfabrik + Hermann Krämer www.tourette-syndrom.de
Mailkontakt: info@tourette-syndrom.de
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